Die 55-jährige Journalistin und Podcasterin Anna reist für das Schreiben eines Beitrags über die 85-jährige Bücherfrau Fenja Lorenzen an den abgelegenen Lister Ellenbogen. Im reetgedeckten Haus der alten Dame trifft Anna allerdings nur deren Tochter Elisa an. Als ein heftiges Gewitter die antiquarischen Buchschätze bedroht, die Fenja auf dem Dachboden hortet, packen die Frauen gemeinsam an. Dabei fällt Anna ein alter Gedichtband in die Hände, der als Versteck für einen Samtbeutel und eine silberne Dose dient. Ehe sie es sich versieht, wird Anna mit Geheimnissen aus der Vergangenheit konfrontiert, die bis in die Gegenwart reichen. Denn Fenja hatte eine Schwester, die von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand - genau wie Fenja jetzt. Während Anna sich mit der Geschichte der Lorenzens beschäftigt, Seeschwalben beobachtet und ihr Herz ungewohnt schneller schlägt, wenn Elisas Bruder Eric in der Nähe ist, stößt sie auf eine dramatische Liebesgeschichte aus dem Jahr 1937. Immer tiefer dringt Anna auf den verworrenen Familienpfaden der Lorenzens in die Vergangenheit vor und erkennt schließlich, dass Fenja ihr Schweigen brechen muss, wenn sie endlich die Wunden in ihrer Familiengeschichte heilen will. Doch lebt die alte Dame, der Bücher die Welt bedeuteten, überhaupt noch?
"Der Gesang der Seeschwalben" ist der erste Teil einer Dilogie. Teil 2 ist Anfang des Jahres erschienen.
Erzählt wird auf zwei Zeitebenen. Zunächst lernen wir Anna kennen, die in der Gegenwart nach Sylt kommt, um mit Fenja Lorenzen zu sprechen. Diese Kapitel sind in der Ich-Perspektive geschrieben. Die beiden kennen sich bereits von einem Podcast, den Anna über "Bücherfrauen" gemacht hat. Nun möchte sie ein Buch über Fenja schreiben. Aber als Anna an dem alten Reetdachhaus ankommt, ist Fenja nicht da, hat nur eine Nachricht hinterlassen, dass sie plötzlich etwas erledigen musste. Stattdessen trifft Anna auf Fenjas Tochter Elisa, die nach einer Trennung Zuflucht und einen Neuanfang auf Sylt sucht. Elisa ist genauso überrascht und gemeinsam versuchen die beiden Frauen, Fenja zu finden. Eine Spur führt nach Niebüll.
Im Jahr 1937 treffen wir auf die junge Lene. Zusammen mit ihren Eltern lebt sie behütet in einem Reetdachhaus auf Sylt. Ihre große Leidenschaft sind Bücher. Dann kündigt sich ein Urlaubsgast aus Friedrichstadt an und Lene ist schon sehr gespannt auf den Buchhändler Marten, der auf Sylt in Ruhe ein eigenes Buch schreiben möchte. Aber es sind unruhige Zeiten, auch wenn die nordfriesische Insel noch relativ verschont bleibt von den politischen Ereignissen im Rest von Deutschland. Dann muss Marten Hals über Kopf zurück nach Hause und Lene stellt fest, dass sie schwanger ist. Eine unverheiratete Mutter? In der damaligen Zeit undenkbar. Zum Glück hat sie die Unterstützung ihrer Eltern.
Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Der Autorin gelingt es durch ihre Beschreibung die Schönheit der Insel, die Ursprünglichkeit und raue Natur vor dem Auge des Lesers lebendig werden zu lassen, zur damaligen Zeit und heute. Ich konnte mir das Leben in dem alten Reetdachhaus sehr gut vorstellen. Zwischen den Zeitebenen gibt es auch kurze Kapitel mit dem Titel "Das Haus am Rande der Welt" und das passt tatsächlich wunderbar. In diesen Abschnitten erfährt man noch mehr über Lene sowie ihre Kinder Martje und Fenja.
Nach und nach erfahren wir mehr über die Vergangenheit und Familiengeschichte von Fenja und ihrer Mutter Lene und lernen so auch besser das heutige Verhältnis von Fenja zu ihren Kindern, insbesondere zu ihrer Tochter Elisa, zu verstehen. Durch Annas Recherchen werden Geheimnisse gelüftet, die endlich Klarheit bringen und vielleicht auch zu einer besseren Mutter-Tochter-Beziehung beitragen.
Eine emotionale Geschichte, die nachhallt und auch nachdenklich macht. Und ich bin schon gespannt auf den 2. Teil der Bücherfrauen von Listland. In "Der Duft des Strandhafers" geht es um Fenjas verschwundene Schwester Martje.































