Samstag, 2. Mai 2015

"Vor dem Abgrund" von Tom Finnek

London, 1888. Zwei Menschen stehen im Mittelpunkt der Ereignisse, die diese Geschichte erzählt. Die sechzehnjährige Celia Brooks kommt nach dem Tod der Mutter von Brightlingsea in die Hauptstadt, ihren Vater zu suchen. Ein Hinweis führt sie ins Armenviertel White Chapel im East End. Nicht ungefährlich, denn hier treibt seit einiger Zeit der Frauenmörder Jack the Ripper sein Unwesen. Drei Frauen fielen ihm bereits zum Opfer. 
Der junge Hotelierssohn Rupert Ingram dagegen vertreibt sich seine Zeit bis zur von seinem Vater arrangierten Hochzeit mit der Nichte eines Brauunternehmers mit Ausflügen ins East End, verbringt dort die Nächte mit Alkohol und Huren. Hier ist er einer von vielen und kann sein, was er will. Hier trifft er auch auf Eva Booth, den Captain der Heilsarmee sowie Künstler Simeon Solomon. 
Ruperts und Celias Wege kreuzen sich und nach und nach zeigt sich, dass beide mehr verbindet, als sie vermutet hätten. Celia erfährt Dinge über ihren Vater, die sie lieber nicht gewusst hätte. Und Rupert muss erkennen, dass seine Handlungen in jüngster Vergangenheit nicht ohne Konsequenzen bleiben. Ihm wird klar, dass er sein Leben ändern muss. 

Ein fesselnder, gut recherchierter und gut durchdachter historischer Roman aus einer finsteren Zeit Londons. Wie schon in "Unter der Asche" führt Tom Finnek die verschiedenen Handlungsstränge zu einem logischen Ende zusammen, verwebt geschickt historische Figuren und Begebenheiten und Fiktion miteinander, so dass der Leser am Ende denkt: Ja, genauso könnte es gewesen sein. 
Durch die anschauliche, bildhafte Sprache ist man immer mittendrin im Geschehen. Man begleitet Celia und Rupert durch die dunklen, dreckigen Straßen und Gassen von White Chapel, sieht die Hinterhöfe und Pubs direkt vor sich und meint sogar den Unrat zu riechen und Nebel zu fühlen. 
Die Kapitel von Rupert werden aus der Ich-Perspektive erzählt, was einem noch bessere Einblicke in seine Figur und sein Handeln ermöglicht und ihn dadurch direkt sympathischer erscheinen lässt.
Aber auch Celia mochte ich gleich. Sie hat viel durchgemacht in ihrem jungen Leben und beweist viel Mut, indem sie einfach in die Großstadt reist, um ihren Vater  zu suchen. 
Auch die Nebenfiguren sind interessant: Eva Booth und Simeon Solomon zum Beispiel, die, wie man aus dem Nachwort erfährt, tatsächlich lebten. 
Die Geschichte von Jack the Ripper wird gekonnt mit der Handlung verwoben, steht aber nie im Vordergrund. Aber wer sich für die Rippermorde interessiert, dem fällt der wahre Name der Prostituierten Ginger natürlich direkt auf. 

Ich habe das Buch in einer Leserunde bei Lovelybooks zusammen mit dem Autor lesen dürfen und es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Er hat geduldig alle Fragen beantwortet und interessante Einblicke in seine Arbeit gegeben, wie er auf die Idee zum Buch kam usw.  
"Vor dem Abgrund" ist der letzte Teil seiner London-Trilogie und ich kann sie wirklich sehr empfehlen. 

Meine Bewertung: ☥ ☥ ☥ ☥ ☥





1 Kommentar:

  1. Ich hatte bei der Leserunde leider kein Glück! Aber das Buch wanderte natürlich trotzdem auf meine Wunschliste. Deine rezi hört sich richtig gut an!!
    Liebe Grüße
    Martina

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